Daten im Betrieb

Ist das Kontrollbedürfnis der Unternehmen ein Abbild des Szenarios aus Orwells „1984““

Posted on: 28. September 2010


Ein schon etwas älteres Interview mit Dirk Baecker, einem der bekanntesten und bedeutestend deutschsprachigen Soziologen der Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau befragte den Soziologen mit Blick auf die Datenschutzproblematik zu Loyalität, Vertrauen und Datenkontrolle in Unternehmen.

Hier ein paar Auszüge, hier z.B. zur Brauchbarkeit der dem Datensammelwahn der Unternehmen entsprungen Daten:

Sind die Daten, die aus solchen Screenings gewonnen werden, für ein Unternehmen denn überhaupt brauchbar?

Um einem Verdacht nachzugehen und ihn entweder zu bestätigen oder aus der Welt zu schaffen, sind sie allemal brauchbar. Man darf nur nicht den Fehler machen, die gewonnenen Daten bereits für einen Beweis zu halten, dass das befürchtete Verhalten tatsächlich vorliegt.

Der Datensammelwahn, nicht zuletzt ein Zeichen von Unfähigkeit und schlechtem Management:

Ist das Kontrollbedürfnis der Unternehmen ein Abbild des Szenarios aus Orwells „1984“ oder lässt sich darin nicht auch eine starke Verunsicherung der Form des Unternehmens herauslesen?

Die Verunsicherung ist mit Sicherheit gegeben. Es gibt unter angespannten Marktverhältnissen kaum einen Unternehmensbereich, der nicht unter dem Gesichtspunkt eines taktischen oder strategischen Vorteils gesehen werden kann, an dem auch die Konkurrenz Interesse hätte. Uns fehlt eine Managementkultur, die in der Lage wäre, die Diffusion der „unique selling points“ eher zu befördern als zu behindern. Aber wer vor allem damit beschäftigt ist, andere zu imitieren, hat natürlich berechtigterweise Angst davor, selber imitiert zu werden.

Die Konsequenzen für das „Vertrauens“-Verhältnis im Betrieb. Zwischen Arbeitgeber und Management und MitarbeiterInnen bedeutet das Überwachen immer auch, dass die MitarbeiterInnen keinen Grund haben, dem Management zu vertrauen. Misstrauen wird mit Misstrauen begegnet, logischer Weise:

In der Diskussion über den Datenskandal bei der Deutschen Bahn war viel vom mangelnden Vertrauen in die Mitarbeiter die Rede. Welche Rolle spielt Vertrauen denn heute für ein Unternehmen?

Die Kategorie des Vertrauens spielt schon deshalb eine zentrale Rolle, weil sie die eine Seite einer Medaille ist, deren andere Seite Misstrauen heißt. Wir brauchen Vertrauen, aber wir testen es auch laufend. Dummerweise ist ein getestetes Vertrauen für den, der getestet wird, ein bestätigtes Misstrauen. Aus dieser kommunikativen Falle kommt niemand heraus. Nur um endlich Sicherheit zu haben, testen die Unternehmen ihr Vertrauen in die Mitarbeiter. Mit diesem Test jedoch verlieren sie den letzten Rest an Sicherheit.

Das ganze Interview gibt es hier bei der Frankfurter Rundschau zu lesen.

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1 Response to "Ist das Kontrollbedürfnis der Unternehmen ein Abbild des Szenarios aus Orwells „1984““"

„Dummerweise ist ein getestetes Vertrauen für den, der getestet wird, ein bestätigtes Misstrauen.“ für sätze wie diesen liebe ich den baecker ja.

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